Russisch Roulette für „westliche Werte“

Wer hat „den Krieg nach Europa zurückgebracht“?
Entgegen eines ARD-Kommentars vom 25. Februar war dies die NATO. 1999 bombardierte sie Serbien, auch dies ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg. Unter Joschka Fischers Schlachtruf „Nie wieder Auschwitz!“ hatte man eine Büchse der Pandora entdeckt: die „Responsibility to protect“. Theoretisch richtig, jedoch praktisch sehr problematisch, wenn der Sachverhalt im Dunkeln liegt. In der Nacht und im Bürgerkrieg sind alle Katzen grau. Kriegsreporter, die nicht wie gewünscht berichten, sind ihres Lebens nicht sicher oder werden nicht mehr vor Ort gelassen. Der SPIEGEL hatte damals in eloquenten Essays einseitig die serbischen Sicherheitskräfte als Barbaren vorgeführt, während UCK-Partisanen für die „gute“ Sache kämpften. Im Krieg stirbt die Wahrheit als Erstes. Im Nachhinein ist die Welt immer schlauer – und sei es durch „geleakte“ Informationen, deren Urheber in Hochsicherheitsgefängnissen landen („westliche Werte“?) -, aber dann ist es zu spät.

Obendrein erklärte der Internationale Gerichtshof (IGH) die Sezession des Kosovo für rechtsmäßig – sogar ohne Volksreferendum. Die nach eindeutiger Volksabstimmung erfolgte Sezession der Krim hingegen wurde zur russische „Annexion“ umgedeutet, um sie als Anlaß für rechtswidrige Wirtschaftssanktionen des „Westens“ zu instrumentalisieren.

Seit 1999 besteht die internationale „regelbasierte“ Ordnung nur noch auf geduldigem Papier (v.a. UN-Charta und Zivilpakt). Seither errichteten die USA schrittweise eine Herrschaft des Unrechts. Staats- und Völkerrechtler wie Dietrich Murswiek oder Karl Albrecht Schachtschneider haben das durchdekliniert – nicht anders als mancher „linke“, vermeintlich „antiamerikanische“ Vertreter des Fachs. Aber jetzt soll das, was jeder weltpolitisch interessierte Bürger im Stillen weiß, unter den Teppich gekehrt werden – ein Akt der Geschichtsklitterung á la George Orwells „1984“.


Das Faß zum Überlaufen brachte der Maidanputsch 2014. Auch das weiß eigentlich jeder. Denn alle, von der ARD bis zum EU-Parlament, beklagten seinerzeit – durchaus besorgt – die maßgebliche Beteiligung des „rechten Sektors“ – den man mittlerweile vollständig leugnet bzw. als Hirngespinst ausgibt.

Erst in der Ukraine wurde die NATO-Osterweiterung auf die Spitze getrieben – subversiv, völkerrechtliche Grauzonen nutzend, aber letztlich gewaltsam, mittels gedungener Scharfschützen, offenbar aus Georgien eingeschleust. Und zwar GEGEN das demokratische Votum des ukrainischen Volkes. Dieses hatte 2010 nicht die westorientierte Oligarchin Tymoschenko, sondern den russlandfreundlichen Präsidenten Janukowytsch gewählt!

In darauffolgenden acht Jahren terrorisierte Kiew – finanziert, aufgerüstet und ausgebildet durch CIA & Co. – die nun völlig legitimer Weise mehr Autonomie fordernde russischstämmige Mehrheit im Donbass. So rückte die NATO erstmals[1] dem russischen Bären unmittelbar auf die Pelle. Putin hatte seit 2007 vor dieser „roten Linie“ gewarnt.

Wer jetzt gleichwohl ruft: ´Ohne Rückgabe der Krim darf es keinen Frieden geben!´, schlafwandelt in den III. Weltkrieg.

Schon der Erste Weltkrieg konnte nicht beizeiten beendet werden, weil gewisse Kreise einen triumphalen „Siegfrieden“ brauchten, um Kriegskredite und Investitionen abzusichern. Bei manchen heutigen Säbelrasslern dürfte es sich ähnlich verhalten: man hat „Aktien im Feuer“.

Auf Facebook bringt es jemand auf den Punkt: „Das Leid der normalen Menschen in der Ukraine berührt mich zutiefst, aber die Wahrheit ist – bevor wir in einem atomaren Holocaust untergehen, ist mir es lieber, Putin gewinnt den Kampf. (…) Ob er behalten kann, was er gewonnen hat, wird von der Bevölkerung vor Ort abhängen. Eine dauerhafte Besetzung gegen den Willen der Bevölkerung wird zum Vietnam der Russen werden.“

Kein Russisches Roulette, sondern verhandeln

Entscheidend für Europa ist: Sich nun nicht im US-Interesse in den III. Weltkrieg treiben oder im atomaren Holocaust opfern zu lassen. Dieses Russisch Roulette darf nicht riskiert werden. Jedenfalls nicht ohne Bündnisfall, und auch nicht für verlogene „westliche Werte“, die nun nicht mehr am Hindukusch, sondern in der Ukraine verteidigt werden sollen.

Man muss zurück zum Minsker Abkommen von 2015. Hier hatte sich Kiew zum „Dialog“ mit den Separatisten verpflichtet (anstatt sie als „Terroristen“ zu behandeln). Minsk wird verständlich nur vor dem Hintergrund des „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ (auch im ethnischen Sinne) – der „eigentlichen ‚idée directrice‘ des internationalen öffentlichen Rechts“ (Ulrich Vosgerau).

Vernünftig wäre ein Friedensvertrag, in dem man sich darauf einigt, daß über das weitere Schicksal der ost- und südukrainischen Bevölkerung niemand anders als diese selbst zu bestimmen hat (wobei die OSZE organisatorische Vorkehrungen treffen könnte). Und daß die Westukraine neutraler Puffer zwischen West und Ost bleibt. Das Veto auch nur eines der 30 NATO-Staaten – z.B. von Ungarn oder von einer wieder zu Verstand gelangten Bundesrepublik -– würde den NATO-Beitritt ohnehin verhindern.

Mit Russland muss ein Dialog auf Augenhöhe geführt werden. Biden hat diesen noch kurz vor der russischen Invasion verweigert. Die Hybris des angloamerikanischen Establishments hat seit dem Fall des eisernen Vorhanges jedes Maß und Mitte verloren (was ohne den Abfall westlicher Eliten vom christlichen Glauben kaum möglich gewesen wäre).

Das mögen atheistische Materialisten anders sehen. Aber der Westen sollte auch deshalb  kleinere Brötchen backen, weil er gegen das Bündnis der BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China, Süfafrika), deren Kampf gegen die Dollar-Hegemonie sich weitere anschließen werden, auf Dauer möglicherweise keine Chance hat. Schon demographisch nicht.

Peter Scholl-Latour hatte in die „Angst des weißen Mannes“ (2010) eindringlich vor einem „Scheitern des Westens“ gewarnt. Tiefere Ursache ist sein moralischer Bankrott: die Doppelmoral.  Und wer auf der „richtigen“ Seite der Geschichte steht, muss sich erst noch herausstellen.

Bislang hat man Patriotismus keineswegs als „westlichen Wert“ angepriesen! Sondern – ganz im Gegenteil – als Relikt aus Nazizeiten abgetan. Plötzlich aber sollen wir für „fremden“ Patriotismus einer fremden Nation – so bewunderswert er auch sein mag – kämpfen, darben und notfalls sterben? Was für eine Beleidigung der Intelligenz des Publikums! Für wie dumm, gehirngewaschen und schuldkomplexbehaftet hält man die propagandageschädigte deutsche Bevölkerung?

„Auch nach Hiroshima und Nagasaki haben Menschen dort noch weitergelebt. Ich will es jetzt nicht kleinreden, aber …„,
verkündet eine „Sicherheits-Expertin“ am 22. März 2022 bei Markus Lanz
[2]. Jedoch töteten diese Atombombenexplosionen „insgesamt circa 100.000 Menschen sofort – fast ausschließlich Zivilisten (…). An Folgeschäden starben bis Ende 1945 weitere 130.000 Menschen.“ (Wikipedia)

Und wieder geben „Qualitätsmedien“ Flankenschutz: ZDF-HeuteNachrichten ist sich sicher: „Nein, es droht kein Dritter Weltkrieg. Und nein, es droht auch kein Krieg mit atomaren Waffen.“ Anders allerdings Außenministerin Baerbock am 27. April ´22 zu potenziellem Atomkrieg Putins: „Wir können nichts ausschließen“.[3]

Ukraine first – Germany last?!

Die Mehrheit des deutschen Bundestages will der Ukraine schwere Kriegswaffen liefern, scheint also tatsächlich gewillt, einen Atomkrieg in Europa, notfalls auch ein deutsches Hiroshima, für ominöse „Werte“ zu riskieren. Dafür setzen sie Europas Völker, nicht zuletzt ihr eigenes, beim Russisch Roulette aufs Spiel.[4] „Slava Ukraini“ („Ehre – oder Heil  der Ukraine“!) heißt es nun. Eine parteiübergreifende „Deutschland-verrecke“-Fraktion denkt offenbar: Ukraine first – Germany last!

Feuilletonisten und Talkshow-Moderatoren wie Lanz, die den Werte-Bellizismus fanatisch mit Händen und Klauen verteidigen, indem sie immer wieder befangene „Experten“ aus dem Hut zaubern, um – wie in „1984“ – dreißig Jahre Zeitgeschichte umzuschreiben, versündigen sich an jeder praktischen Vernunft. Letztlich auch an der – sonst immer hochgehaltenen – „Menschheit“.

Nach alldem kann bis zur unabhängigen Verifizierung noch dahingestellt bleiben, ob es in der Ukraine (v.a. im umkämpften Schwarzmeerhafen Mariupol) NATO-finanzierte Biowaffenlabore gibt – jüngst sprach davon bei einer Kongressanhörung Miss „Fuck-the-EU“ Victoria Nuland vom US-Außenministerium.


Und noch etwas Brisantes zu den „Werten“, die in der Ukraine verteidigt werden sollen: Seit 2014 existiert eine Todesliste des ukrainischen Geheimdienstes, auf der mittlerweile 180.000 „Feinde der Ukraine“ aufgelistet sind, Personen aus ganz Europa, darunter zwei EU-Regierungsschefs (Orbàn sowie der kroatische Präsident Zoran Milanovic). „Mehrere Personen, deren Namen vorher auf der Liste veröffentlicht worden waren, wurden kurze Zeit später ermordet“![5]

Sollte es also tatsächlich am 09. Mai bei den Berliner Feierlichkeiten zum Gedenken des Ende des II. Weltkriegs, die u.a. an sowjetischen Ehrendenkmälern stattfinden, zu Anschlägen kommen, wovor der deutsche Verfassungsschutz warnt[6], sollte man nicht reflexartig mit dem Finger auf Russland zeigen, sondern „in alle Richtungen ermitteln“, wie es so schön heißt. Die Geheimdienstbehörde insinuiert zwar schon jetzt, es könne zu einem russischen „FalseFlag“-Manöver kommen, um dies der Ukraine in die Schuhe zu schieben. Es könnte sich aber genauso gut auch andersherum verhalten.


[1] (vielleicht abgesehen von Georgien)

[2] „Sicherheitsexpertin. Keine Angst vor Putins Atombomben“| Markus Lanz, 23.03.2022, https://www.youtube.com/watch?v=4uyOLmIEIAU (ab Minute 11:20); https://www.zdf.de/nachrichten/politik/putin-atomwaffen-ukraine-krieg-russland-lanz-100.html (23.03.2022).

[3] https://www.rnd.de/politik/atomkrieg-putins-moeglich-annalena-baerbock-koennen-nichts-ausschliessen-TDOMV2HO5VH7TKY4GUKJBICELM.html

[4] https://www.focus.de/politik/deutschland/analyse-von-ulrich-reitz-wegen-putins-krieg-beerdigt-annalena-baerbock-gruenen-traum_id_90390610.html

[5] Max Erdinger, 05.05.2022, https://journalistenwatch.com/2022/05/05/steckbriefe-myrotvorets-hit/?fbclid=IwAR16bHzeJvqkRTANInq-YDmYRzi-eqFLltP_uXZJsETTp7hfx2nftahqL_E
(„Internationale Aufmerksamkeit hatte „Myrotvorets“ erstmals im April 2015 bekommen, als der ukrainische Schrifsteller Oles Buzina und der frühere Parlamentarier Oleg Kalashinkov ermordet worden waren, kurz nachdem „Myrotvorets“ ihre Wohnadressen veröffentlicht hatte. Sowohl Menschenrechtsorganisationen als auch verschiedene Regierungen haben die Ukrainer wiederholt aber vergeblich dazu aufgefordert, „Myrotvorets“ vom Netz zu nehmen. Auf der Liste findet sich sogar die Kremlkritikerin und Literatur-Nobelpreisträgerin Svetlana Alexievich.“)

[6] 06.05.2022, https://www.t-online.de/nachrichten/ausland/id_92140678/berlin-verfassungsschutz-warnt-vor-russischen-provokationen-auf-demos.html („Laut einem internen Bericht der Sicherheitsbehörden lägen Hinweise darauf vor, dass am Sonntag oder Montag Übergriffe auf prorussische Demonstranten inszeniert und anderen in die Schuhe geschoben werden könnten – etwa ukrainischen Aktivisten. Hinterher könnten diese „False Flag“-Attacken von Russland medial ausgeschlachtet werden.“)

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